Nachhaltigkeit hat ihren Preis

Ernst-Abbe Sportfeld, Jena

Jede und Jeder will heute nachhaltig sein und leben. Aber was ist Nachhaltigkeit eigentlich? Beschränkt sie sich auf den schonenden Umgang mit Ressourcen? Oder steckt da mehr dahinter? Im Interview mit Sportplatzwelt spricht Mathias Schwägerl, Geschäftsführer der Polytan GmbH, über Nachhaltigkeit von Sportböden aus Kunststoff.

Stadionwelt: Polytan vertreibt unter anderem Kunstrasensysteme, Laufbahnen und Fallschutzbeläge aus Kunststoff. Ist das wirklich nachhaltig?

Mathias Schwägerl: Wenn wir über unsere Sportbodensysteme sprechen, dann ganz klar ja. Wir betrachten schon seit Jahren unsere Produkte unter Umweltaspekten. Das beginnt bei der Entwicklung und setzt sich fort über die Produktion bis hin zur Installation und zur Pflege. Da haben wir in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Aber Nachhaltigkeit ist für mich mehr als die Schonung der Umwelt.

Stadionwelt: Wie meinen Sie das?

Mathias Schwägerl: Nachhaltigkeit hat auch soziale Aspekte. Ein Kunstrasenplatz zum Beispiel ermöglicht den Sportlern die ganzjährige Nutzung. Und das theoretisch 24 Stunden am Tag. Damit ermöglichen wir vielen Sportlern das Training, die sonst außen vor bleiben müssten. Gerade in Ballungsgebieten braucht man Alternativen zum Naturrasen- oder Tennenplatz, denn hier wollen viele Menschen auf kleiner Fläche Sport treiben. 77 Prozent der Menschen wohnen heute bereits in den Großstädten und ihren Speckgürteln. Die Tendenz ist steigend. Lediglich 15 Prozent der Deutschen haben laut statistischem Bundesamt ihren Wohnsitz in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern. Prognosen gehen davon aus, dass künftig bis zu 85% der Bevölkerung in Ballungszentren leben werden. Allein der Ballungsraum Berlin ist zwischen 2015 und 2020 um 280.000 Menschen gewachsen. Sieht man sich diese Zahlen an, wird schnell klar, dass ein Sportangebot für alle hier ohne Kunstrasen nicht möglich ist – ganz einfach weil die Flächen für Naturrasenplätze fehlen. Aufgrund der viel höheren zeitlichen Bespielbarkeit kann ein Kunstrasenplatz drei bis vier Naturrasenfelder ersetzen. Und das über viele Jahre. Außerdem haben Sportanlagen auch eine hohe soziale Bedeutung als Treffpunkt für Menschen. Nur ein Beispiel: Wir haben einem Solidaritätsdorf für benachteiligte Menschen in einem kleinen Ort nahe Bergamo ein Kleinspielfeld gespendet. Die Lombardei hat am Anfang der Corona-Pandemie gewaltig gelitten und wir wollten den Menschen ein bisschen Freude zurückgeben. Die Anlage liegt in Lurano, steht allen Bürgern offen und hat sich zum zentralen Treffpunkt im Ort entwickelt. Hier kommen Menschen zusammen, die sonst nie miteinander gesprochen hätten. Auch das ist nachhaltig.

Stadionwelt: Kommen wir zum Produkt. Sie sagen, dass Polytan seit vielen Jahren seine Produkte umweltfreundlicher macht. Kann man Kunststoff umweltfreundlich machen?

Mathias Schwägerl: Ich wehre mich dagegen, Kunststoff per se als nicht umweltfreundlich zu betrachten. Die heutige, fortgeschrittene Welt würde ohne Kunststoffe nicht existieren. Es gibt Kunststoffe, die lange zum Einsatz kommen. Teile unserer Laufbahnen und Kunstrasenplätze halten über Jahrzehnte und können dann wiederverwertet werden. Andere Kunststoffe wie Verpackungsmüll und Mikroplastik in Kosmetikartikeln werden nur einmal genutzt und landen im schlimmsten Fall direkt in der Umwelt. Ich glaube, man muss hier sehr deutlich differenzieren zwischen Kunststoffen, die ein Investitionsgut darstellen und Kunststoffen, die für eine einmalige Nutzung und sehr kurze Lebensdauer hergestellt werden.

Stadionwelt: Trotzdem brauchen Sie zur Produktion Ihrer Produkte fossile Rohstoffe?

Mathias Schwägerl: Hier sind wir auf einem guten Weg, Alternativen zu finden, bzw. haben sie bereits im Angebot. Nur wir bieten einen CO2-neutralen Kunstrasen an, der aus nachwachsenden Rohstoffen produziert wird. Wir machen hier aus den Resten der Zuckerrohrernte, die nicht mehr zu Zucker verarbeitet werden kann, das Granulat für unsere Rasenproduktion. Oder anders gesagt: Aus Biomüll wird ein Kunstrasen. Unser LigaTurf Cross GT zero wird bereits erfolgreich eingebaut. Die Sportler sind sehr zufrieden mit seiner Performance. Zusätzlich werden wir in einigen unserer Kunstrasensysteme ab sofort bis zu 20% Recyclingregranulat einsetzen. Unser LigaTurf Cross GTR Kunstrasensystem vereint übrigens als erster Fußballrasen bio-basierte und recyclierte Materialien.

Stadionwelt: Honoriert das der Kunde?

Mathias Schwägerl: Ich bin der festen Überzeugung, dass er es mittelfristig wird. Aber Nachhaltigkeit hat Ihren Preis. Lassen Sie mich zwei Beispiele aus anderen Branchen anführen: Die Bereitschaft, mehr Geld für hochwertige Lebensmittel auszugeben, wächst. Im Automobilbau hat Tesla mit einer konsequent verfolgten Idee die ganze Branche verändert. Die Kunden kaufen die teuren Autos, obwohl sie beim Vertrieb und Service durchaus Nachteile in Kauf nehmen müssen. Sie wollen Teil einer nachhaltigen Bewegung sein. Wenn sich der Kunde bei uns für einen GT zero entscheidet, hat er keine Nachteile, sondern bekommt ein CO2-neutrales Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen das alle Kriterien eines modernen Kunstrasens erfüllt. Wir betreiben hier einen enorm hohen Aufwand bei der Entwicklung und Zertifizierung dieser Produkte und haben die Komfortzone bewusst verlassen. Wir sehen uns in unserer Branche als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und wollen das auch auf absehbare Zeit bleiben. Natürlich wünsche ich mir, dass dieser Aufwand auch von den Kunden honoriert wird und die Umweltaspekte in den Ausschreibungen der öffentlichen Hand mehr Berücksichtigung finden. Das kommt in der Realität leider noch viel zu kurz, auch wenn die Politik gerade ganz andere Töne anschlägt.

Stadionwelt: Sie sagen, Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Wird der Kunstrasen teurer?

Mathias Schwägerl: Es gibt zwei Faktoren, die den Kunstrasen teurer machen werden. Der erste betrifft die ganze Branche und jedes produzierende Gewerbe: Wir sehen eine gewaltige Preissteigerung bei den Rohstoffen, die wir nicht abfedern können. Der zweite Faktor betrifft uns: Wir haben viel in die Nachhaltigkeit unserer Produkte investiert und glauben an diesen Weg. Aber Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst. Ich habe eben Tesla erwähnt. Den Pioniergeist hat der Kunde belohnt. Das gleiche erhoffe ich mir auch für den von uns eingeschlagenen Kurs.

Stadionwelt: In letzter Zeit hört man verstärkt, dass alte Kunstrasen Sondermüll und nur schwer zu entsorgen sind. Stimmt das?

Mathias Schwägerl: Ein alter Kunstrasen ist für uns kein Müll und schon gar kein Sondermüll. Er ist ein wertvoller Rohstoff, aus dem neue Produkte entstehen können. Recycling ist neben den nachwachsenden Rohstoffen “the next big thing“ in unserer Industrie. Wenn einer unserer Kunstrasen nach zehn bis 15 Jahren am Ende seiner Lebenszeit angelangt ist, können wir ihn zu 100 Prozent wiederverwerten. Dafür hat unser Mutterkonzern, die Sport Group, ein neues Unternehmen gegründet. Die FormaTurf verwertet alle Bestandteile des Kunstrasens wieder. Aus dem Kunststoff entstehen neue Produkte, die zum Beispiel beim Sportplatzbau wiederverwendet werden können. Der Sand, der im Platz ausgebracht wurde, wird gereinigt und kann wieder für Kunstrasensysteme genutzt werden. Er macht immerhin 70 Prozent des Gewichtes eines Platzes aus. Wir schließen damit den Wertstoffkreislauf. Unseren Kunden können wir diese, auch nach Meinung vieler Experten bestmöglichen Recyclingmethode, anbieten, zum Beispiel wenn ein alter Platz ausgetauscht werden muss.

Stadionwelt: Kann man aus altem Kunstrasen keinen neuen Kunstrasen machen?

Mathias Schwägerl: Machbar ist alles, aber der Aufwand wäre immens. Rohstoffliches Recycling erfordert enorm viel Energie und es entstehen große Mengen CO2. Wir haben uns deshalb entschlossen, erst einmal einen anderen Weg zu gehen. Viele unserer Produkte haben künftig einen Recycling-Anteil, aber dafür nehmen wir unter anderem Kunststoffabfälle, die im Alltag anfallen. So wird aus der kurzlebigen Plastikverpackung dann doch noch ein langlebiges und nachhaltiges Kunststoffprodukt.

Stadionwelt: CO2-Reduzierung, Recycling, nachwachsende Rohstoffe – Sie sind auf vielen Baustellen unterwegs. Wie sieht die Zukunft aus?

Mathias Schwägerl: Ich habe ja eben schon gesagt, dass Nachhaltigkeit Ihren Preis hat. Wir hoffen, dass sich die Kunden auch im Sinne der Umwelt für diese Produkte entscheiden. Wir gehen hier durchaus ins Risiko, weil wir davon überzeugt sind, dass wir das Richtige tun. Wir haben schon eine Menge erreicht, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.

Quelle: Stadionwelt; 09.02.2022, https://www.stadionwelt.de/news/34178/nachhaltigkeit-hat-ihren-preis

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